Vier-Räuber-Essig – ein Rezept zwischen Gesundheit & Kulinarik

Vier-Räuber-Essig – ein Rezept zwischen Gesundheit & Kulinarik

22. März 2021

Heilpflanzen werden oft als Tee, Tinktur oder Kapsel eingenommen. Wie wäre es, zur Abwechslung, mit einem historische Kräuter-Essig inklusive Marketinggeschichte?

Medizinische Essige in der TEM & Klostermedizin

Heilpflanzen kann man als Tee oder Tinktur verabreichen. Sehr früh in der Medizingeschichte entdeckte man aber auch die Qualitäten von Essig als Vehikel für Heilpflanzen: Man hatte Essig eh in der Küche stehen, er war billiger als der Alkohol für Tinkturen, und der fertige „medizinierte Essig“ war vielseitig einsetzbar: als Löffelgabe; in der Küche als raffiniert-gesunde Würze auf Speisen; oder als kosmetischer Essig für Spülungen, Waschungen, Einreibungen und Wickel. Die Rezeptbücher enthielten hunderte Rezepte von aceta prophylactica, und so brauchten Apotheker oder kräuterkundige Frauen und Männer stets eine tolle Marketinggeschichte, wenn sie ihr Rezept oder Produkt groß herausbringen wollten.

Acetum quattuor latronum – Vier-Räuber-Essig

Eine der wohl deftigsten Marketinggeschichten hatte man dem sogenannten „Vier-Räuber-Essig“ angehängt: Während einer Pandemie hätten vier Räuber die Wohnungen der Infizierten ausgeräumt, die sich gerade im Spital zur Behandlung befanden. Die Räuber selbst waren hingegen immun durch einen besonderen Heil-Essig. Als sie bei einem der Beutezüge von der Polizei verhaftet wurden, kam es zum Deal: Gegen Straffreiheit gaben sie ihr Essig-Rezept heraus – Weinraute, Wermut, Rosmarin, Lavendel, Salbei und Minze plus Wacholder, Zimt, Nelke, Erzengelwurz, Kalmus und Muskat in Essig ausgezogen. Als um 1720 in Toulouse und Marseilles die Pest grassierte, nutzte ein Apotheker just diese Marketinggeschichte im Rahmen einer großen Verkaufsaktion, und das Produkt wurde in ganz Europa berühmt, besonders auch in England. Und dort bürgerte sich für die Anwendung als kosmetischer Essig auch der Zusatz von etwas Kampfer in den Essig ein.

Heutige Adaption

Man wird mit dem Essig selbstverständlich keine Pandemie stoppen können. Aber bei der Analyse der im Rezept enthaltenen Heilpflanzen erhellt, dass es sich definitiv um Heilpflanzen handelt, die immunstärkende Eigenschaften haben und die zur Vorbeugung und allgemeinen Gesundheitssorge geeignet sind. Hier ein unverbindlicher Rezeptvorschlag – für eine Version ohne Weinraute und Kampfer:

  • Wermut: 5 g (wenn frisch: 10 g)
  • Rosmarin, Lavendel, Salbei und Minze: je 10 g (wenn frisch: 20 g)
  • 10 Wacholderbeeren
  • 5 Gewürznelken
  • Zimtrinde: 10 g
  • Erzengelwurz (Wurzel), Kalmus und Muskat: je 5 g

Die zerkleinerten Drogen in 2,5 l Weinessig 14 Tage mazerieren, dann seihen.

Verwendung: Zum Würzen in der Küche; als Kur-Getränk: 1 TL Essig in ca. 200 ml Wasser einnehmen, bis zu dreimal täglich; oder als kosmetischer Essig für Waschungen, Spülungen und Wickel.